Warum Portugal?

Wenn ich in Deutschland berichte, ich mache jährlich einen längeren Urlaub in Portugal, dann ist eine häufige Reaktion; „Wir waren schon in vielen Ländern, aber in Portugal noch nie. Und warum bist du dort so häufig? “ Eine klärende, diffizile Antwort auf allgemeine Fragen ist immer schwierig und man sucht nach Beispielen aus dem Leben.

Ich steige in meinen Bus Richtung Stadtmitte. Das übliche Begrüßungsritual: Bon dia, reiche meine Monatskarte dem Busfahrer, er scannt sie, reicht sie zurück, obrigado und ich nehme Platz. Ich kenne ihn vom Sehen und weiß an hand seiner Aussprache, er stammt aus Brasilien. Seine Haare waren mal schwarz, sind aber mit den Jahren weiß geworden, mais ou menos. Fünf Minuten später steige ich mit einem gegenseitigem Obrigado aus und jeder fährt, beziehungsweise läuft seines Lebensweges. Zwei Stunden später fährt er mit seinem Bus an mir vorbei, kurbelt das Fenster runter, lacht und winkt mir zu. Diese drei Sekunden lachendes Winken sind Portugal. Nicht, dass es nur in Portugal freundlich winkende Busfahrer gäbe, aber ich glaube, die Sonne Portugals mit ihrem Lebensmut ist Bestandteil der Muttermilch und setzt sich in den Menschen fest.

Saude steht für Traurigkeit, wie sie nur in Portugal zu finden ist und sie sollte als immaterielles Weltkulturerbe geschützt werden. Der Fado, dieses klagende Liebeslied einer unerfüllten Liebe ist die haupstädtische, einstmals noch königliche Krönung einer Saude. Ich erlebte 2017 eine Steigerung, als ich mit einer Bekannten an jenem Wochenende in Lissabon weilte, als der Papst in Fatima eintraf, Benfica Lissabon portugiesischer Fußballmeister wurde und Salvador Sobral den Europäischer Song Contest (ESC) gewann. In einer schier unüberschaubaren Menge jubelnder, lachender, freudetaumelnder Menschen, durchsetzt mit den Taschendieben aller Länder, bekam sie schlagartig einen Weinkrampf. Ich stand verständnislos daneben, bis mir jemand ein Glas Wein reichte, ich ihn ihr einflößte und schlagartig der Weinkrampf stockte. Sie meinte, es sei so tragisch, dass morgen das schöne Fest vorbei sei und darüber habe sie geweint. Aber mit Wein könne man das Weinen stoppen – es gäbe ein solches Sprichwort oder eine alt-alentejoische Bauernweisheit gegen die Saude, und dabei lachte sie.

Die Entdeckungsfahrten der portugiesischen Schiffskapitäne des 15. und 16. Jahrhunderts haben in der portugiesischen Küche und speziell in der Bäckerei ihre Spuren hinterlassen. Ohne Zimt und Vanille sind keine Backwaren denkbar. Das Nationaldessert Pastéis de Nata beinhaltet ursprünglich für die Puddingmasse wohl keine Vanille, wird heute aber gerne mit dem preiswerten Vanillin verfeinert und mit Zimt (prt. Canela) bestäubt, bzw. eine Stange in der Milch für den Pudding mit gekocht. In den oben genannten Jahrhunderten beherrschten die Araber und die Venezianer den Gewürzhandel für Europa und scheffelten riesige Gewinne aus diesem Handelsmonopol, welches durch die Umschiffung des Kap der guten Hoffnung gebrochen wurde. Ursprünglich wuchs Vanille in Mexiko, ehemals spanische Einzugsbereich, und ganz wichtig, der Kolibri ist mit seinem langen Schnabel der Bestäuber der Vanilleblüte, aus welcher die lange, schwarze Schote wächst. Heute stammen 80 – 90 % der Vanilleproduktion aus Madagaskar und die Blüte muss per Hand bestäubt werden, was die echte Vanilleschote so teuer macht. Echte Vanille aus Madagaskar wurde im Februar 2022 für 720 €/kg gehandelt. Daher greifen wir zum Vanille-Aroma oder Vanillin, dem chemisch hergestellten Vanillegeschmack. Vanille ist nach Safran das teuerste Gewürz.

Das zweite Gewürz, die Rinde vom Zimtbaum war früher ebenfalls eine Kostbarkeit, ist heute jedoch ein wohlfeiles Gewürz, dass vorwiegend in der Weihnachtsbäckerei verwendet wird. Ein deutscher, nach Portugal ausgewanderter Bäcker erklärte mir, dass sein Weihnachtsstollen unverkäuflich war. Als er ihn jedoch mit Zimtpulver bestäubte und seine portugiesischen Mitarbeiter es im Dorf erzählten, konnte er die Nachfrage nicht bedienen. Auch mein Sympathieranking bei den Hotelmitarbeitern stieg, als sie beobachteten, dass ich mein morgendliches Müsli mit einer großen Prise Zimt verfeinerte. „Er isst Zimt wie wir – er ist fast ein Portugiese!“

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