Erste Kontakte mit Portugal
Meine Mutter wartete am Sonntag zum Abendbrot immer mit einer kleinen Überraschung auf. Manchmal waren dies Ölsardinen in einer Dose, deren herausragende Lasche man durch den Schlitz eines angeklebten Metallstäbchens zog und so den Deckel aufrollte. Das gelang nicht immer ohne etwas Öl auf die Tischdecke tröpfeln zu lassen, aber damit musste man die nächste Woche leben. Viel faszinierender war für mich der Deckel mit Sardinen und dem Herstellungsort Olhao mit einer Tilde ~ über dem a. Das hätte ich jetzt auch gerne geschrieben, aber meine Tastatur weigert sich. Meine Eltern, keiner Fremdsprache mächtig, konnten mir nicht weiterhelfen, im Atlas für Heimatkunde war Olhao nicht zu finden und im Volkslexikon gab es diesen Ort mit dem unaussprechlichen Namen ebenfalls nicht.

Nach dem unbefriedigenden Erstkontakt in einem der ersten vier Jahre Grundschule stand 1966 die Fußball-Weltmeisterschaft in England an. Auf der letzten Seite des Sammelalbums waren die weltbesten Fußallspieler aufgeführt, u. a. Eusebio, ein kohlrabenschwarzer Spieler für Portugal. Wir kannten zwar Eusebia, Großmutter von Goofy (?), aber dass ein Fußballspieler Eusibeo heißen konnte, sprengte die Vorstellungskräfte von 14jährigen in der münsterländischen Provinz – einfach lachhaft. Zumal unsere Aussprache Eu-se-bio lautete und nicht korrekt E-u-se-bi-o. Er schoss ein wichtiges Tor, trotzdem fuhr Portugals Nationalmanschaft bald nach hause.
Zehn Jahre später, 1976 war ich erstmalig beruflich in Portugal und erschrak über die ärmlichen Verhältnisse, in denen viele Familien lebten. Im Museo de Partimao (mit Tilde!) nimmt diese Zeit der Industrialisierung mit den Ölsardinen den Schwerpunkt ein, denn das Museumsgebäude ist die ehemalige Konservenfabrik Rose. In einer Halle wird das Eintreffen des Fangs direkt vom Schiff über eine Laufkette an die Arbeitsplätze der Frauen gezeigt. Hier standen die Frauen dicht aneinander gedrängt, trennten die Köpfe ab, weideten die Fische aus, salzten sie, steckten sie zur ersten Trocknung in Gitterstellagen, um sie schlussendlich in den kleinen Dosen zu stapeln, dass der Deckel aufgepresst werden konnte und im Autoklave alles sterilisiert für den Verkauf zubereitet war.

Frauen verdienten ihr erstes Geld
Wie mir eine etwa gleichaltrige Servicekraft vor einigen Jahren erzählte, verdiente ihre Mutter nicht viel, aber manchmal mehr als ihr Vater in der Landwirtschaft und erst mit der Fischindustrie und den Exportmöglichkeiten war für die Familie ein Essen am Tag gesichert. Vorher gab es im Winter oder Frühjahr schon mal Hungertage. Vier Jahre Schulbesuch empfand man als ausreichend, wobei Lesen und Schreiben meistens bald wieder vergessen war, denn man hatte nichts zu lesen oder zu schreiben, eher etwas auf den kleinen Ackerflächen zu arbeiten oder Korkeiche zu entrinden im Alenteijo, ca. 30 km nördlich der Atlantikküste. Eine körperlich anstrengende, gefährliche und staubige Arbeit zu einem kargen Lohn. Ertragreich nur für die Großgrundbesitzer, welche auf den Bau der Eisenbahn drängten. Die Eisenbahn führt jedoch nicht zu oder gar durch die Städte, sondern durch die landwirtschaftlichen Gebiete, um die Agrargüter abzutransportieren. An Personenverkehr war bei der Planung der Streckenführung nicht gedacht, denn wer wollte schon wohin fahren? Nichts Ungewöhnliches in Europa, denn weder Paris oder London haben einen zentralen Bahnhof, Berlin erst seit der Wiedervereinigung. Die Bahnhöfe befinden sich ursprünglich an der Peripherie zur Versorgung der Bevölkerung, die Reisenden selbst steigen in die Tube, die Metro oder in die S-Bahn um.

Babys und Kleinkinder haben ihren Bereich, dass die Mütter arbeiten können
Nur bei gutem Fang gab es Arbeit
In der Fischfabrik gab es Arbeit, wenn die Fischschwärme kamen. Blieben sie aus, fiel auch die Arbeit aus. Damit die Frauen, zumeist junge Mütter, überhaupt die Arbeit aufnehmen konnten, wurde eine Kinderstation mit Betten und Waschzubern für die Kleinsten eingerichtet. Beeindruckend ist die Hygiene, auf die bereits damals sehr viel Wert gelegt wurde. Alle Arbeiterinnen in einheitlicher weißer Bekleidung und Arbeitsschuhen, die mit dem Schichtbeginn gewechselt werden mussten. Ein Signalhorn wurde bei Schichtbeginn und -ende geblasen, mit der Stempeluhr die Pünktlichkeit dokumentiert. Zehn bis zwölf Stunden im eiskalten Atlantikwasser die Fische zu töten, ausnehmen von Innereien und Gräten, letztendlich zu filetieren war Schwerstarbeit.
Ein Blick in die Vor- und Frühgeschichte der Algarve rundet den historischen Exkurs ab. Männer sieht man auf den historischen Fotos der Fischindustrie selten, nur als Aufsichtskräfte und Vorgesetzte. In Olhao gibt es heute auch keine Fischfabrik mehr, an wenigen Gebäuden lassen verblassende Firmennamen noch erkennen, worüber ich mal rätselte.

Ölsardinendosen aus längst vergangenen Zeiten
