Anflug mit Hindernissen
Wenn einer eine Reise tut, dann …
Abflug in Düsseldorf, 7.00 Uhr, das heißt früh aufstehen. Leider hat mein privater Taxidienst kurzfristig die Fahrt zum Flughafen abgesagt und jetzt soll die Bundesbahn es richten. Bloß nicht den letzt möglichen Zug nehmen, denn falls der ausfällt, startet meine Eurowings-Maschine ohne mich. 2.35 Uhr Dülmen Bhf, nebelig, aber der Zug ist pünktlich. Der Tag beginnt glücklich, denn hätte ich in Sythen einsteigen wollen, wäre ich auf den nächsten Zug angewiesen. Laut meines Planes im Smartphon, der Anzeige im Zug und auch der Ansage, war der nächste Halt in Sythen. Aber es ist nebelig und der Lokomotivführer hört wohl auch nicht die Ansage und wer will schon um diese Uhrzeit in Sythen aus- und zusteigen, dachte sich der Herrscher der Gleise und brettert durch.
Das Schicksal nimmt seinen Lauf
Flughafen Düsseldorf ohne Gepäckschalter mit freundlichen Mitarbeitern, sondern eine lange Reihe vor vielen Gepäckschließfächern mit der gleichen Anzahl von Mitarbeitern, die einem erklären, wie man die Kofferbandarole sich ausdrucken lässt, was manchmal dauert, sie fachgerät um die Trageschnalle klebt, nachdem man sich die Quittung abgezogen hat und warum manchmal das System im Schließfach nicht den Strichcode liest, oder warum man die Start-Taste drücken sollte, will man nicht das System blockieren. Ich schaue meinen Vordermännern oder -frauen über die Schulter, lese Displays und frage mich, ob ich in zehn Jahren mit 82 noch fliegen kann oder überhaupt noch will.
Ich könnte bereits durchstarten, aber in unserem menschlichen Warteblock wird beim Boarding gefischt. Von Polizisten, die nicht zwischen charakterlich guten oder schlechten Reisenden unterscheiden, sondern als Kriterium das Unwort des Jahres nehmen, nach Nicht-Bio-Deutschen, leicht zu erkennen, an einer nicht blassen Hauttönung. Fünf der zwischen zehn bis 15 Gefischten können keinen Ausweis vorweisen und bleiben in Gewahrsam, die anderen sind Unschuldslämmer mit deutschem Pass, nur noch nicht hautfarbenmäßig assimiliert. Ich sitze auf meinem Stammplatz im Flieger 36 a, wo man im seltesten Fall bei einem Überlandflug die Schwimmwesten benötigen dürfte, aber im vorderen Teil des menschlichen Frachtraums herrscht Unruhe. Ein Steward bittet jeden seinen Ausweis den Mittelgang querenden Polizisten zu zeigen. Es dauert, und man wartet auf das Anlaufen der Turbinen.
„Aus Sicherheitsgründen bitten wir alle Passagiere das Flugzeug samt des Gepäcks wieder zu verlassen“ hören wir dann einen Steward durchsagen, und als ich meine Sitznachbarin in schlechtem schwyzerdütsch frage, ob das auch für meine Bombe gilt, die ja eigentlich nicht mehr mir gehört, sondern die ich Eurowings geschenkt habe, schaue ich ein entsetztes Gesicht. Aber ich wirke nicht überzeugend, ich habe eben von und für nichts eine Überzeugung, tauge nicht als Überzeugungstäter und sie ruft deshalb nicht um Hilfe.
Wie man in der Wartehalle von anderen Reisenden aus dem vorderen Teil der Kabine erfährt, war dem Chefsteward aufgefallen, dass etliche Plätze besetzt, aber laut seinem Plan nicht gebucht waren. Der mittlerweile eingetroffene Sicherheitschef erklärt jetzt jedem, der es wissen möchte, im vertraulich flüsterndem konspirativem Stil, dass fünf offensichtlich abgewiesene Asylanten beim Boarding „geschummelt“, und nicht gültige Ausweispapiere vorzeigt hätten, während die Kontrolleurin sich auf das Flugticket konzentriert hat. Der prophezeite Starttermin um 9.10 Uhr verstreicht, bis alle Pishing-Deutschen gefischt wurden. Der Hintergrund: Die gerüchteweise aus Afghanistan stammenden abgewiesenen Asylanten fliegen nach Portugal, um dort einen zweiten Asylantrag zu stellen. Sollte der auch nicht anerkannt werden, fragt selten jemand in den Orangenplantagen nach illegal arbeitenden Afghanen. Ein Thema, das ich demnächst aufgreifen werde. Da aber Asylanten wieder in jenes Land zurück geschickt werden müssen, welches sie zuerst innerhalb der EU betreten haben, kann es kein Länderhopping geben. Der Landweg nach Portugal wäre die Alternative, jedoch auch unsicher, dass man nicht in die Kontrolle einer bodenständigen Polizeistreife gerät.
Wir harren in der Abflughalle weiter der Dinge und erfahren über SMS, der nächste Abflug wird für 12.10 Uhr erhofft. Man benötigt eine neue Crew, denn die bisherige Crew würde laut Zeitplan bei ihrem heutigen Rückflug kurz vor den Pyrenäen Überstunden machen und das wäre ein Sicherheitsrisiko. Nunmehr wird eine soeben noch dienstfreie Crew zusammentelefoniert und im Cockpit beginnt der komplette Check von neuem, obwohl die Maschine sich seit 5 Uhr in der Frühe nicht um einen Zentimeter bewegt hat. Jedoch, das kann ich nachvollziehen, müsste man Vertrauen in den Kollegen haben. Ich lese weiter in meiner Lieblingslektüre über die Geschichte Portugals. zumal wir für das kleine Disaster einen Verzehrsgutschein über 15 Euro auf unsere Boardingcard gesimst bekommen haben. Das klappt problemlos, auch problemlos die Bezahlung mit der Boardingcard an vier ausgewählten Snackstationen, nur mit der Sicherheitskontrolle, daran muss man in Düsseldorf noch arbeiten. Meine Sitznachbarin ist wegen meiner Bombe gekränkt und unterhält sich lieber mit dem jungen Mann auf 36 C. Ich will schlafen und hoffe, ich schnarche, aber in der Sitzstellung leider unmöglich.
Grandioser Empfang
Es gibt Herzlichkeit und gespielte Herzlichkeit. Gut, weil ich leidlich Portugiesisch spreche, komme ich auch den Hotelmitarbeitern näher und ich freue mich, wenn sie mich korrigieren, sei es grammatikalisch oder in der Aussprache. Frage ich sie nach der Aussprache, spüren sie mein Interesse an ihnen und werden sie noch namentlich angesprochen, was dank der Namensschilder leicht möglich ist, entwickelt sich ein Sympathieverhältnis, dass beim vierten Besuch auch eine herzliche Umarmung der Damen sein kann, wogegen ich mich nicht wehre.
Ich bin zu hause.
