Diogenes an der Algarve

Gestern hat es am dritten Tag ununterbrochen geregnet und der Sturm ließ die Regentropfen fast waagerecht gegen meine Verandatür klatschen. Kein Tag, nach draußen zu gehen, um für den Blog Reportagen zu suchen, sondern Zeit, Themata aufzunehmen, die am Frühstückstisch unter Deutschen debattiert werden. Gestiegene Immobilienpreise mit geplatzten Immobilienträume ist ein stetes Thema unter dem Motto „Hätten wir doch damals…“ Ich gebe zu, ich hatte sowohl in den Nuller-Jahren mit der Umstellung auf Euro, als auch kurz vor der Pandemie mit diesem Gedanken gespielt, aber letztendlich doch Abstand genommen und diese Entscheidung bis heute nicht bereut.

War es 2004 oder 2005, ich spielte mit dem Gedanken, ein kleines, gut renoviertes Häuschen, ca. 3 km vom Strand, mit Bahnstation und Bushaltestelle, von einem deutschen Ehepaar zu kaufen. Sie hatten es anfangs selbst bewohnt, bevor sie sich ein wenig entfernt ein neues Haus mit allem Komfort bauen ließen. Das kleine, sehr romantische Haus befand sich am Ende der Dorfstraße, auf dem morgendlichen Weg zum Lebensmittelgeschäft mit eigener Backstube versorgte ein umgefallener Zitronenbaum mich täglich mit einer Zitrone für meinen Tee und der Gaslieferant brachte routinemäßig allwöchentlich eine Gaskartusche für den Herd. Der eigentliche Flachbau, mit einem Dachreiter zur angenehm kühlenden Luftzirkulation versehen, hatte ein Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer nebst Küche und später eingebauter Nasszelle. Leider keinen Garten und nur eine kleine Veranda zur Straße hin. Kein opulenter Luxus, aber für ein Leben als Diogenes komfortabel und abseits genug gelegen. Gewöhnungsbedürftig dürfte sein, dass das Toilettenpapier wegen Verstopfungsgefahr der Abflussrohre nicht in die Toilette geworfen werde durfte und dass es keine Heizung gab. Merkmale vieler älterer Häuser in Portugal oder wie ich es auch noch bei ländlichen Neubauten in Griechenland kennen gelernt habe. Für die zwei oder drei kühleren Wintermonate lohnte es sich nicht, eine Heizung einzubauen, so dass unter den älteren Portugiesen Rheuma die Volkskrankheit Nr. 1 war. Als elektrische Radiatoren auf den Markt kamen, stellten sie viele Portugiesen in die Schränke, damit die Wäsche nicht stockig wurde. Was aber bei unsachgemäßem Gebrauch auch zu Zimmerbränden führte. Das Toilettenpapier trug man allmorgendlichen in den Hemdchentüten aus der Obst- und Gemüseabteilung zum Container in der Dorfmitte, der auch täglich zuverlässig von der Müllabfuhr geleert wurde.

2019 bin ich wieder durch das Dörfchen gefahren und habe gedanklich drei Kerzen angezündet, den Traum des portugiesischen Diogenes nicht habe Realität werden lassen. Die vor meinem gedachten Haus endende Dorfstraße war weiter gebaut worden, und vollzog in einer schlanken Rechtskurve bergabwärts einen Rundkurs, dass auch Motorradfahrer ihre Lieblingsstrecke gefunden hatte. Das Lebensmittelgeschäft war mit dem Tod der Inhaberin geschlossen worden und die Bäckerei kämpfte auch ums Überleben, denn die tiefgefrorenen Brötchen aus der Ukraine waren billiger für die Hotels als die Backwaren aus dem Nachbardorf. Zumal sich das Frühstücksbuffet mit Roggen- oder anderen dunklen Brötchen je nach Gästewünschen mit Tiefkühlware besser handeln lässt. Das Häuschen stand wieder zum Verkauf, ob noch immer vom bisherigen Eigentümer oder von einem neuen Zwischenbesitzer weiß ich nicht, nur der Preis hatte sich im Internet von 30.000 € auf 60.000 € verdoppelt.

Eklatante jährliche Preissprünge bestätigt die Immobilienwirtschaft. Derzeit wird jährlich mit 18 % Preissteigerung kalkuliert. Die meisten Käufer sind Franzosen, danach folgen Deutsche und Briten. In einer englisch geprägten Wohnanlage wurde mir ein Appartement für zwei Personen für 30.000 € angeboten, monatliche zusätzliche Belastung für Sicherheitsdienst, Wartung und Verwaltung knapp 500 Euro., wobei die Einnahmen aus der Vermietung dagegen stehen. Eigene Nutzung sechs Wochen im Jahr möglich, wobei noch die Jahreszeiten zu klären waren. Swimmingpool, Tennisplätze, Fitnessstudio, Kindergarten, ein Bistro und ein Restaurant mit gehobenem Niveau, Hauptgerichte ab 30 €, ließen wenige Gästewünsche übrig, aber ich lehnte doch dankend ab.

Es gab im letzten Jahr Überlegungen, den Immobilienerwerb von nicht ständig in Portugal lebende Personen zu verbieten. Betroffen wären hiervon insbesondere Unternehmen wie AirBnB und booking.com und durch sie betriebene Appartementshochhäuser. Hintergrund ist fehlender, bezahlbarer Wohnraum für Arbeitnehmer im Servicebereich. Geschätzt wird der Leerstand in der Nach- und Vorsaison auf 200.000 Appartements, benötigt werden allein für die Servicekräfte 10.000 Wohnmöglichkeiten in der Hochsaison, welche die Touristenunterkünfte aber nicht bezahlen können. Derzeit schlafen etliche Servicekräfte in ihren Autos oder direkt am Strand.

Ich erinnerte mich an meine Schulzeit, als Mitschüler, deren Eltern vermögender als meine waren, darüber stöhnten: „Schon wieder in die Dolomiten“, weil dort die gekaufte Ferienwohnung „abgewohnt“ werden musste. Während ich mein Fahrrad bepackte, von Jugendherberge zu Jugendherberge durch Belgien, Niederlande bis nach Charleville-Mézières, dreimal rund um Picadilly-Circus fuhr und sich niemand um mich kümmerte. Nur täglich eine Postkarte nach Hause schickte, dass meine Mutter ahnte, es könnte alles in Ordnung sein.

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